Wärmepumpe im Bestand: So machen Sie Ihr Haus ohne Komplettsanierung fit (Hydraulik, Heizkörper, Dämmung)

Worum es bei der Wärmepumpe im Bestand wirklich geht

Eine Wärmepumpe scheitert im Altbau selten an „zu wenig Dämmung“, sondern fast immer an zu hohen erforderlichen Vorlauftemperaturen. Ihr Ziel ist nicht Perfektion, sondern ein System, das an möglichst vielen Tagen im Jahr mit 30-45 °C Vorlauf auskommt. Dann läuft die Wärmepumpe effizient, leise und bezahlbar.

Sie brauchen dafür drei Dinge: niedrigere Vorlauftemperaturen, ausreichende Heizflächen (Heizkörper oder Flächenheizung) und eine saubere Hydraulik. Alles andere ist Optimierung.

Wenn Sie aktuell eine Gas- oder Ölheizung mit 60-75 °C Vorlauf fahren, ist das keine Katastrophe. Es heißt nur: Erst messen, dann gezielt umbauen, statt blind „alles dämmen“ oder „alle Heizkörper tauschen“.

Hebel Typischer Effekt Aufwand
Vorlauf senken (Heizkurve, Thermostate öffnen, Abgleich) + Effizienz, weniger Stromkosten niedrig
Heizflächen vergrößern (größere Heizkörper, Gebläsekonvektoren) + Komfort bei 35-45 °C mittel
Hülle gezielt verbessern (Dachboden, Kellerdecke, Fensterfugen) + weniger Heizlast, weniger Taktung mittel
Modernes Einfamilienhaus mit Außeneinheit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe neben einer hellen Fassade
Luft-Wasser-Wärmepumpe am Bestand: Aufstellung und Umgebung entscheiden über Lautstärke.

Schritt 1: Ist Ihr Haus „Wärmepumpenfähig“? Der schnelle Realitätscheck

Vergessen Sie pauschale Baujahre. Entscheidend ist: Welche Vorlauftemperatur brauchen Sie an kalten Tagen, um die Räume warm zu bekommen?

Der 3-Tage-Test (ohne Handwerker, ohne Umbau)

  • Wählen Sie eine kalte Phase (ideal: 0 bis -5 °C draußen).
  • Stellen Sie an der Heizung die Heizkurve so ein, dass der Vorlauf auf 45-50 °C begrenzt wird (oder senken Sie schrittweise).
  • Öffnen Sie alle Thermostatventile vollständig (sonst verfälscht es).
  • Lassen Sie das 48-72 Stunden laufen und prüfen Sie: Werden die Hauptwohnräume 20-21 °C warm?

Interpretation: Wenn es bei 45-50 °C funktioniert, sind Sie sehr nah dran. Wenn Sie 55-60 °C brauchen, ist eine Wärmepumpe nicht ausgeschlossen, aber Sie müssen Heizflächen und/oder Hülle verbessern. Wenn es selbst mit 60 °C knapp ist, ist zuerst die Gebäudehülle oder eine Heizlastreduzierung dran.

Typische Stolpersteine, die den Test verfälschen

  • Einzelne zugedrehte Heizkörper: Das erhöht die nötige Vorlauftemperatur für den Rest.
  • Verstopfte Heizkörper: Oben warm, unten kalt deutet auf Schlamm oder fehlenden Abgleich hin.
  • Zu niedriger Pumpendruck/alte Pumpe: Heizkörper werden nicht richtig versorgt.
  • Undichte Fensterfugen: Zugluft macht Räume gefühlt kalt, obwohl die Lufttemperatur ok ist.

Schritt 2: Vorlauftemperatur senken, ohne Komfortverlust

Die Vorlauftemperatur ist der Hebel Nummer 1. Jeder Grad weniger hilft. In der Praxis erreichen viele Bestandsgebäude 5-15 °C weniger Vorlauf, ohne dass ein einziger Heizkörper getauscht werden muss.

Heizkurve richtig einstellen (Praxis, nicht Theorie)

  • Senken Sie die Heizkurve in kleinen Schritten (z.B. alle 2-3 Tage).
  • Ändern Sie immer nur eine Stellgröße: entweder Steilheit oder Niveau.
  • Räume werden zu kühl: erst Niveau leicht hoch, nicht sofort Steilheit.
  • Räume werden bei Sonne/Kochen schnell zu warm: Niveau runter, Thermostate bleiben offen.

Merksatz: Thermostate sind Feintrimmer. Die Heizkurve ist die eigentliche Temperaturregelung.

Nachtabsenkung: oft kontraproduktiv bei Wärmepumpe

Viele Altanlagen fahren nachts stark runter und morgens mit hoher Temperatur wieder hoch. Wärmepumpen mögen das nicht: hohe Vorlauftemperaturen und Lastspitzen kosten Effizienz.

  • Starten Sie mit nur 1-2 °C Absenkung oder ganz ohne.
  • Wenn das Haus träge ist (massiv, gut gedämmt): oft besser konstant fahren.
  • Wenn es schnell auskühlt (leichte Bauweise, zugig): leichte Absenkung ok, aber morgens nicht „voll aufdrehen“.

Schritt 3: Heizkörper fit machen für 35-45 °C

Im Bestand sind Heizkörper völlig normal. Sie müssen nicht zwangsläufig Fußbodenheizung nachrüsten. Entscheidend ist die Heizleistung bei niedriger Temperatur.

Welche Heizkörper sind kritisch?

  • Kleine Einplatten-Heizkörper unter Fenstern, die früher mit 70/55 °C ausgelegt wurden.
  • Räume mit hoher Last: Bad, Eckzimmer, großer Wohnraum mit viel Außenwand.
  • Heizkörper mit wenig Luftzirkulation: Verkleidungen, lange Vorhänge, vollgestellte Nischen.

Praktische Upgrades (von günstig bis wirksam)

  • Freistellen: 5-10 cm Abstand zu Möbeln, Vorhänge nicht davor, keine dichten Verkleidungen.
  • Reflexionsfolie hinter dem Heizkörper (bei Außenwand): bringt kein Wunder, aber reduziert Wandverlust spürbar.
  • Hydraulisch abgleichen (siehe nächster Schritt): oft der größte Komfortgewinn.
  • Heizkörper tauschen gegen größere Typen (z.B. Typ 22/33): besonders in 1-2 Problemräumen lohnt es sich stark.
  • Gebläsekonvektoren / Fan-Coils in Problemräumen: viel Leistung bei niedriger Vorlauf, aber hörbar und braucht Strom.

Kostenrahmen (DE, grob): Heizkörpertausch pro Stück oft 300-900 EUR Material plus Montage, je nach Größe, Ventilen, Leitungsanpassung. Fan-Coils meist teurer und eher „Speziallösung“.

Badezimmer-Sonderfall

Viele Bäder hängen am kleinen Handtuchheizkörper. Der ist bei 35-45 °C häufig zu schwach. Praxislösungen:

  • Zusätzlichen Flachheizkörper oder größeren Badheizkörper einplanen.
  • Elektrische Handtuchstange oder Heizmatte als Spitzenlast (kurzzeitig), nicht als Hauptheizung.
  • Wenn saniert wird: kleine Fläche Fußbodenheizung im Bad lohnt sich besonders.

Schritt 4: Hydraulik, die nicht nervt: Abgleich, Pumpe, Volumenstrom

Viele Bestandsanlagen haben typische Symptome: einige Räume werden zu warm, andere nicht warm genug, Strömungsgeräusche, häufiges Takten. Für Wärmepumpen ist saubere Hydraulik Pflicht.

Hydraulischer Abgleich: woran Sie Qualität erkennen

  • Es wird eine Raumweise Heizlast ermittelt (nicht nur „Pi mal Daumen“).
  • Thermostatventile werden mit Voreinstellung versehen oder getauscht.
  • Die Umwälzpumpe wird passend eingestellt (oder gegen Hocheffizienzpumpe getauscht).
  • Am Ende gibt es ein Protokoll mit Einstellungen.

Ohne Abgleich müssen Sie oft die Vorlauftemperatur unnötig hoch drehen, nur damit der kälteste Raum nachzieht. Das kostet dauerhaft Strom.

Schlamm und Magnetit: der leise Wärmepumpenkiller

Gerade bei älteren Stahlrohren und Heizkörpern kann sich Magnetit bilden. Wärmepumpen-Wärmetauscher und Ventile reagieren empfindlich.

  • Bei schwarzen Ablagerungen im Sieb/Filter: Magnetitabscheider nachrüsten.
  • Bei stark ungleichmäßigen Heizkörpern: Anlage spülen lassen (fachgerecht).
  • Wasserqualität nach VDI 2035 prüfen lassen, besonders bei großen Anlagen.

Schritt 5: Warmwasser ohne Effizienz-Kater

Warmwasser braucht höhere Temperaturen als Raumheizung. Wenn Sie es falsch lösen, frisst es den Effizienzvorteil auf.

Speicher, Temperatur und Legionellen: pragmatisch planen

  • Für Einfamilienhaus: oft ein passender Warmwasserspeicher mit großem Wärmetauscher.
  • Warmwassertemperatur so niedrig wie komfortabel (z.B. 48-52 °C) und nur bei Bedarf höher.
  • Legionellen-Thema hängt von System und Nutzung ab. Klären Sie es mit Fachbetrieb, besonders bei Mehrfamilienhäusern.
  • Zirkulation kritisch: schlecht gedämmte Zirkulationsleitungen sind Dauerverlust. Zeiten begrenzen und Leitungen dämmen.

Wenn der Speicher im kalten Keller steht und die Leitungen ungedämmt sind, „heizen“ Sie den Keller. Das merken Sie sofort an langen Laufzeiten der Wärmepumpe.

Schritt 6: „Minimal-Dämmung“ mit maximaler Wirkung

Sie müssen nicht sofort die Fassade einpacken. Es gibt Maßnahmen, die pro Euro sehr viel bringen und die Heizlast senken, ohne große Baustelle.

Die 5 Maßnahmen, die sich im Bestand am häufigsten lohnen

  • Dachboden / oberste Geschossdecke dämmen: oft schnell, relativ günstig, großer Effekt.
  • Kellerdecke dämmen: Fußkälte weg, weniger Verlust.
  • Fensterfugen abdichten (Dichtungen, Anschlüsse): weniger Zug, bessere Behaglichkeit.
  • Heizungsrohre dämmen in unbeheizten Bereichen: günstiger Klassiker.
  • Rollladenkästen abdichten/ dämmen: häufige Leckstelle.

Mit diesen Punkten schaffen viele Häuser den Sprung von „ich brauche 55-60 °C“ zu „45-50 °C reicht“. Das ist oft der Unterschied zwischen „geht irgendwie“ und „läuft richtig gut“.

Schritt 7: Wärmepumpen-Typ und Aufstellung: leise, wartbar, ohne Nachbarschaftsstress

Im Bestand wird meist eine Luft-Wasser-Wärmepumpe eingesetzt, weil Erdarbeiten entfallen. Damit sie leise bleibt, zählt die Aufstellung mehr als Marketingwerte.

Aufstell-Regeln aus der Praxis

  • Nicht in „Schalltrichter“ stellen: enge Höfe, Ecken zwischen zwei Wänden verstärken Geräusche.
  • Auf festen, entkoppelten Sockel achten (Schwingungsdämpfer, korrekte Montage).
  • Freie Luftführung: genügend Abstand für Ansaug- und Ausblasrichtung.
  • Wartungszugang einplanen: Sie wollen später gut an Filter, Ventile, Elektrik.

Wenn Ihr Grundstück eng ist: lieber früh mit dem Installateur und ggf. Schallschutzkonzept planen, statt später mit dem Nachbarn zu diskutieren.

Großer Flachheizkörper unter Fenster mit Thermostatventil in einem hellen Raum
Größere Heizflächen helfen, die Vorlauftemperatur zu senken.

Kosten, Budget und Förderlogik: realistisch rechnen

Die Kosten variieren stark nach Hydraulik, Warmwasser und Umbauarbeiten. Als grobe Orientierung im Einfamilienhaus (Bestand, DE): Wärmepumpe inkl. Einbau liegt häufig im Bereich von einigen Zehntausend Euro, plus mögliche Maßnahmen an Heizkörpern, Speicher, Elektrik.

So vermeiden Sie die teuersten Planungsfehler

  • Keine überdimensionierte Anlage: zu groß bedeutet Taktung, Geräusch, schlechte Effizienz.
  • Elektrik prüfen: Zählerschrank, Absicherung, Platz für Zusatzkomponenten.
  • Heizkörper nicht pauschal tauschen: erst messen, dann nur Problemräume gezielt anfassen.
  • Warmwasserverluste nicht unterschätzen: Speicherstandort, Zirkulation, Dämmung.

Praxisbeispiele: typische Häuser, typische Lösungen

Reihenhaus 120 m2, teilsaniert, Heizkörper

  • Vorlauf-Test zeigt 50 °C reichen, aber Bad und Eckzimmer schwächeln.
  • Maßnahmen: Abgleich, 2 Heizkörper größer, Rohrdämmung, Rollladenkasten abdichten.
  • Ergebnis: Stabil bei 45-48 °C, Komfort ok, Stromverbrauch planbar.

Altbau 160 m2, hohe Decken, zugige Fenster

  • Vorlauf-Test: unter 60 °C wird es im Wohnbereich nicht warm.
  • Maßnahmen zuerst: Fensterabdichtung, Kellerdecke, Dachboden, Abgleich, größere Heizflächen im Wohnraum.
  • Danach erneut testen: Zielbereich 50 °C erreichbar, dann Wärmepumpe sinnvoller.

Podsumowanie

  • 3-Tage-Test machen: Welche Vorlauftemperatur brauchen Sie wirklich?
  • Heizkurve optimieren und Thermostate als Feintrimmer nutzen.
  • Hydraulischen Abgleich als Pflichtpunkt einplanen.
  • Heizkörper nur dort vergrößern, wo Räume bei 45-50 °C nicht warm werden.
  • Warmwasserverluste (Zirkulation, Dämmung, Speicherstandort) aktiv reduzieren.
  • „Minimal-Dämmung“ zuerst: Dachboden, Kellerdecke, Fugen, Rohre, Rollladenkästen.
  • Aufstellung der Außeneinheit so planen, dass es leise und wartbar bleibt.

FAQ

Brauche ich im Altbau zwingend Fußbodenheizung?

Nein. Viele Bestandsgebäude laufen mit Heizkörpern gut, wenn Vorlauf gesenkt, Hydraulik abgeglichen und einzelne Heizflächen gezielt vergrößert werden.

Welche Vorlauftemperatur ist für eine Wärmepumpe „gut“?

Je niedriger, desto besser. In der Praxis sind 35-45 °C sehr gut, 45-50 °C oft noch solide. Dauerhaft 55-60 °C bedeutet: zuerst Heizflächen und/oder Hülle verbessern.

Was ist wichtiger: Dämmung oder neue Heizkörper?

Für den schnellen Erfolg häufig zuerst Hydraulik und Heizflächen in Problemräumen. Dämmung lohnt sich besonders bei großen Leckstellen (Dachboden, Kellerdecke, Fugen), weil sie die Heizlast insgesamt senkt.

Kann ich den Abgleich auch „ungefähr“ machen?

Sie können grob verbessern, aber für Wärmepumpen zahlt sich ein sauberer Abgleich aus: weniger Vorlauf, weniger Geräusche, weniger Taktung und stabilere Raumtemperaturen.